Dienstag, 25. September 2007

Moadon beit hakvarot

The Cemetery ClubIch habe mir gestern den phantastischen Dokumentarfilm "The Cemetery Club" ansehen können. Ein sehr gelungenes Abend-Amusement, bis auf eine unreflektierte Palituch-Trägerin in der ersten Reihe, mit der ich eine Weile lang gedanklich beschäftigt war, weil ich ihr nicht zugestehen wollte, den Film genießen zu dürfen.

Jeden Samstag morgen trifft sich in Jerusalem eine Gruppe älterer Menschen, um auf dem Mount Herzl, der gleichzeitig Nationalfriedhof Israels und Park ist, ihre Sitzungen der Mount Herzl Academy abzuhalten. Sie debattieren, lesen eigene und berühmte Gedichte, Singen und runden das Ganze mit einem gemeinsamen Essen am Ende ab. Dieser Club besitzt sogar eine eigene Satzung, die als ersten Artikel und Zweck ausweist, miteinander zu Diskutieren um der Altersvereinsamung entgegenzuwirken. Der zweite Artikel besagt, daß Treffen auch bei sich verändernder Mitgliederzahl weiterhin stattfinden. Diese beiden stoßen bei Verlesung der Satzung auf Widerstand und es wird für die Streichung des Zusatzes "um der Altersvereinsamung entgegenzuwirken" und des kompletten zweiten plädiert - es wird klar, daß hinter dieser Forderung die Scham und eine notwendige Realitätsverweigerung stecken. Die volle Tragik, die in dieser Satzung und ihren ersten beiden Artikeln steckt, wird mit dem Voranschreiten des Films, dessen Zeitraum und Dreharbeit sich über fünf Jahre erstreckte, immer offensichtlicher. Gen Ende wird noch einmal eine überarbeitete Fassung der Satzung verlesen, die wieder die zur Streichung bestimmten Passagen aufgenommen hat - und im Gedenken an das gerade Gesehene nun als unverzichbar erscheinen.

Die meisten RezensentInnen schreiben davon, wie ergriffen sie davon waren, die Protagonisten als Shoah-Überlebende in freier Wildbahn beobachten zu dürfen - und damit stellen sie die Intention der Regisseurin auf den Kopf. Der Film dokumentiert hervorragend die scheinbare Indifferenz von Menschen im Alter - ihre Regression in kindliche Verhaltensmuster, ihre neurotisch anmutenden Verschrobenheiten, skurril wirkendes Gemeckere; schlicht alles was man über ältere Menschen zu wissen meint. Wenn die Protagonisten von ihren Erlebnissen im 3. Reich berichten, so tun sie dies ohne große Emotionalität (bis auf eine Einstellung, in der eine der Überlebenden zum ersten mal in ihr Heimatdorf nach Polen zurückkehrt). In einer Szene, in der über den Kantschen Imperativ argumentiert wird und ob dieser trotz Hitler und Nazideutschland seine Gültigkeit behaupten könne, wird sehr deutlich, daß diese Diskussion überall hätte stattfinden können. Als eine der Protagonistinnen, Lena, ihrer Nichte (der Regisseurin) über ihre Deportation vom Warschauer Getto nach Ausschwitz berichtet, merkt man ihr die rationale Unbegreifbarkeit dieser Erlebnisse an, die emotionale nicht. Es sind keine Tränen in Ihren Augen zu sehen. Ihre Stimme bleibt die ganze Zeit über alles andere als zitternd, sogar sehr bestimmend. Sie scheint zu dozieren. Der emotionale Bezug, die Traumata, all' das, was viele Rezensenten in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen, kommt nicht vor - es ist Tief in den Protagonisten vergraben. Man kann es kaum erahnen. Man kann sich Gedanken darüber machen, wie so etwas überhaupt möglich ist, die Darstellung und der ständig präsente Hintergrund zwingt einem diese Gedanken sogar auf, aber eine Hilfe gibt einen der Film nicht an die Hand.

Kommentare:

julix hat gesagt…

cool, du schreibst voll viel...
werde jetzt auch noch kurz was posten und deins lesen.

Globus Pallidus hat gesagt…

Jetzt benötigen wir nur noch eine Menge geneigter Leserschaft.

julix hat gesagt…

tja...